Wie Bilgenentöler die Flüsse sauber halten

Im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern gelten Binnenschiffe als besonders nachhaltig. Dennoch entstehen auch hier sowohl feste als auch flüssige Schiffsbetriebsabfälle. Damit diese nicht in Flüsse wie den Rhein geleitet werden, übernehmen Schiffsentsorger das Abpumpen und die professionelle Entsorgung. Wie das in der Praxis aussieht, berichtet uns Wolf-Simon Greling, Geschäftsführer der Bilgenentölungsgesellschaft.

Über viele Jahrzehnte wurden Abfälle aus der Prozess-, Fertigungs- und Chemieindustrie in fließende Gewässer wie den Rhein eingeleitet und führten zu einem hohen Verschmutzungsgrad. Auch Binnenschiffe leiteten ihre Altöle und Schmiermittel in Flüsse. Dies waren zwar vergleichsweise kleinere Mengen, jedoch schadeten auch sie der Gewässerqualität und den dort lebenden Tieren und Mikroorganismen.

Doch wo kommt das Altöl her? In jedem Schiff fällt sogenanntes Bilgenöl an. Als Bilge wird der unterste Schiffsraum bezeichnet, in dem sich Leck- und Kondenswasser sowie Ölprodukte aus der Antriebstechnik ansammeln. Das Wasser-Öl-Abfallgemisch heißt auch Bilgenwasser oder Bilgenöl. Es besteht aus rund 90 bis 95 Prozent Wasser und fünf bis zehn Prozent Öl. Das Wasser-Ölgemisch entsteht im Wesentlichen durch den Austritt von Motorölen und Schmierstoffen durch den Schiffsantrieb. Weiteres Abfallprodukt an Bord der Schiffe ist konzentriertes Altöl, das in einem gesonderten Tank gesammelt wird.

Bilgenentölung ist keine nationale Frage

In den 1950er-Jahren begann ein Umdenken der sorglosen Entsorgung von Schiffsabfällen in Flüsse, als die ersten Bilgenentölungsboote zum Einsatz kamen und die Übernahme des Bilgenöls anboten. Dies war zunächst eine unternehmerische Überlegung. Später finanzierten die Bundesländer die Entsorgung, viele Jahre unterstützt durch den Bund. Doch Flüsse wie der Rhein machen weder an Grenzen von Bundesländern noch an Staatsgrenzen halt. So musste eine neue europäische Regelung her. Für den Rhein, Deutschlands längsten Fluss, war dies die Geburtsstunde des CDNI, ein Übereinkommen über die Sammlung, Abgabe und Annahme von Abfällen in der Rhein- und Binnenschifffahrt.

Diese von allen Anrainerstaaten im Jahr 1996 unterzeichnete Vereinbarung regelt mit ihrem Inkrafttreten zum 1. November 2009 sowohl die Entsorgungspflicht der konkreten Abfälle als auch die Umsetzung. Unterzeichnet haben: Deutschland, Belgien, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz.

In Deutschland ist der Bilgenentwässerungsverband (BEV) als innerstaatliche Institution damit betraut, die Vereinbarung in die Praxis umzusetzen. Hierfür setzt der Verband Auftragnehmer ein, die die Entsorgung sicherstellen, darunter auch die Bilgenentölungsgesellschaft. Diese führt die Annahme der festen und flüssigen Abfälle schwimmend mit ihrer Bootsflotte durch.

Gelb leuchten die Bibos

Die Bilgenentölungsgesellschaft ist ein Unternehmen mit sieben Wasserfahrzeugen, den Bilgenentölungsbooten – oder kurz auch Bibos genannt. Die Schiffe sind entlang des gesamten Rheins als Stationsboote im Einsatz und an ihrer leuchtend gelben Farbe schon von Weitem gut sichtbar. Jedes Schiff hat einen festen Liegeplatz und ist in seinem festgelegten Aktionsradius tätig. Ergänzt werden die stationären Fahrzeuge von einem Streckenboot, das den gesamten Rhein samt Nebenflüssen auf- und abfährt – bis hin zur Donau. Die Bilgenentölungsgesellschaft deckt somit den Rhein, das nordwestdeutsche Kanalsystem und über das sogenannte Kanal-Viereck bis nach Bremen die Entsorgung von Bilgenöl ab.

Großer Vorteil der Bilgenentölungsboote: Sie sind flexibel und fahren die Binnenschiffe direkt an, sodass diese weder warten noch eine feste Station anfahren müssen und damit keine Zeit und kein Geld verlieren. Das läuft getreu dem Motto: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, kommt die Entsorgungsmöglichkeit zum Schiff.

Die Spezialboote der Bilgenentöler sind bautechnisch kleine Bunkerboote. So werden Schiffe genannt, die mit einem oder mehreren Tankzellen ausgestattet sind und Treibstoffe transportieren. Die Boote können durchschnittlich bis zu 55 Kubikmeter Flüssigkeit aufnehmen, verteilt auf mehrere kleine Tankzellen, die per Rohrleitungen miteinander verbunden sind.

Vorstellen kann man sich dies wie einen überdimensionierten leistungsstarken Staubsauger, der das Ölgemisch per Unterdruckverfahren ansaugt und in die Tankzelle befördert. Dies ist ein sehr sicheres Umschlagverfahren, da die Flüssigkeit bei einem unwahrscheinlichen Ausfall der Saugpumpe zurück in den Tank fließt und somit technisch bedingt nicht ins Oberflächengewässer gelangen kann.

Noch an Bord der Spezialboote erfolgt die Trennung des abgesaugten Wasser-Ölgemischs in Altöl und Wasser und schließlich die Reinigung des verbliebenen Wassers durch Filtration, bevor das vollständig gefilterte Wasser sogar ins Gewässer zurückgeleitet werden darf. Das Altöl hingegen wird an Bord der Bibos zurückgehalten.

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Wir verraten:

  • wie die Bilgenentölung funktioniert
  • wie die Entölung abläuft
  • was in den einzelnen Reinigungsphasen passiert
  • wo das Rezyklat landet

Erfahren Sie in unserer Checkliste, wie die Bilgenentölungsboote die Binnenschiffe von Ölrückständen befreien.

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Meist einmal im Jahr wird abgepumpt

Wie häufig und wie viel Öl letztlich abgepumpt und aufgefangen wird, ist sehr individuell: „Nichts hat bei der Bilgenentölung einen wiederkehrenden Rhythmus, alles ist einmalig. Dies hat damit zu tun, dass es in der Regel keinen seriellen Schiffsbau gibt, sondern jedes Schiff ein Prototyp ist“, erläutert Wolf-Simon Greling. In der Regel wird ein Binnenschiff einmal im Jahr abgepumpt. Die Menge der aufgenommenen flüssigen Schiffsabfälle ist höchst unterschiedlich und kann zwischen einem bis dreieinhalb Kubikmeter – also etwa sechs bis sieben volle Regentonnen – betragen. Deutlich größere Mengen sind bei älteren Schiffen zu erwarten.

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Einsatz für die Bibos der Bilgenentölungsgesellschaft:

  • 7 Bilgenentölungsboote
  • zwischen 1.000 und 3.500 Liter abgepumptes Altöl pro Binnenschiff
  • 4.000 Schiffsentsorgungen pro Jahr
  • Unterstützung bei Havarien
  • Sammlung und Entsorgung von festen Schiffsabfällen

Die Bezahlung der Entsorgung richtet sich jedoch nicht nach der abgepumpten, sondern der getankten Menge! Anfang 2011 wurde ein elektronisches Zahlungssystem für die Sammlung und Entsorgung öl- und fetthaltiger Schiffsbetriebsabfälle eingeführt. Die Entsorgung dieser Abfälle wird über eine Gebühr finanziert, die vom Schiffsbetreiber gezahlt wird. Hierfür muss der Schiffseigentümer ein ECO-Konto und eine ECO-Karte beantragen. Beim Tankvorgang wird darin die Tankmenge vermerkt: „Pro Liter Betankung ist eine bestimmte Entsorgungsgebühr zu entrichten. Sie ist das völkerrechtlich geregelte Finanzierungssystem, um alle Schiffsbetriebsabfälle fachgerecht entsorgen zu können“, erläutert Greling.

 

Wer zahlt was? Vergütung nach dem Verursacherprinzip

Alle Schiffe, die sich im räumlichen Geltungsbereich des CDNI bewegen und steuerfreies Gasöl bunkern, sind zur Zahlung der Entsorgung verpflichtet. Sie haben Zugang zu den über das gesamte Vertragsgebiet verteilten Annahmestellen, an denen öl- und fetthaltige Schiffsbetriebsabfälle frei abgegeben werden können. Ausgenommen sind Schiffe der Seeschifffahrt, einschließlich Fischereifahrzeuge sowie Sportboote, die in der Regel kein Recht auf den Bezug von steuerfreiem Gasöl haben. Die Kosten der Entsorgung, die über die Betankung geregelt wird, liegen beim Schiffsbetreiber. Die Höhe der Gebühr hängt von der Menge des gebunkerten Gasöls ab. Mit den erhobenen Beträgen werden die Schiffsentsorger finanziert.

Seit drei Jahrzehnten ist die Bilgenentölung ein Erfolgsmodell für den Umweltschutz. Jüngster Neuzugang für die Bilgenentölungsgesellschaft: das neu gebaute Spezialschiff Bilgenentöler 10. Das in Regensburg stationierte Schiff wird als reines Sammelfahrzeug betrieben, was heißt: Das Wasser-Öl-Gemisch wird zwar an Bord getrennt und aufbereitet, aber nach der Vorbehandlung an eine landgestützte Wasseraufbereitungsanlage in eine Aufbereitungsanlage abgegeben.

Zuletzt wurde ein neuer Standort im Schifffahrtskreuz Minden gegründet. Hier arbeitet der Bilgenentöler 4 als Spezialschiff und nimmt flüssige und feste Schiffsabfälle auf. Die Besonderheit: Das Schiff unternimmt Fahrten bis nach Bremen und entsorgt somit Binnenschiffe sogar in einem vom Tidenhub gezeichneten Gewässer.

Zukunft der Bilgenentölung

Doch wie sieht die längerfristige Zukunft der Bilgenentölung aus? Immer mehr Schiffe werden nachhaltig gebaut. Antriebsarten verändern sich. Wird es trotzdem weiterhin Bilgenöl geben? „Es ist zwar richtig, dass sich die Antriebstechnik ändert. Derzeit ist allerdings nicht erkennbar, wann und in welchem Anteil dies erfolgen wird. Binnenschiffe sind auf einen langfristigen Einsatz angelegt und es gibt längere Übergangsregelungen für Bestandsmotoren. Aktuell sind in den meisten Binnenschiffen noch ganz klassische Dieselmotoren verbaut“, konstatiert Greling und ergänzt, dass selbst bei einer Umstellung auf Wasserstoff vermutlich auch hier durch die Schmierung Öle anfallen werden.

Fakt ist aber auch: Tendenziell nimmt die Menge an Wasser-Ölgemischen an Bord ab, weil die Motoren besser konstruiert und die Schiffskörper dichter als früher sind. Übrig bleiben zwar weniger, aber deutlich konzentriertere Abfallreste und damit steigende Anforderungen an Handling und Entsorgung.

Wolf-Simon Greling ist Jurist und seit Juli 2020 Geschäftsführer der Bilgenentölungsgesellschaft (BEG) sowie des Unternehmens Rheintank. Er ist Syndikusrechtsanwalt bei Rhenus Transport und beschäftigt sich mit allen rechtlichen Belangen rund ums Thema Schiff. Sein Dienstsitz? Natürlich in Europas größtem Binnenhafen in Duisburg!

 

Sie sind selbst Binnenschiffer oder in der Bilgenentölung aktiv? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare und Meinungen, wie sich die Branche Ihrer Ansicht nach in Zukunft entwickeln wird.

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