Nachhaltigkeit im Logistikunternehmen

Isa Kohn ist zentral verantwortlich für das Themengebiet „Nachhaltigkeit“ innerhalb der Rhenus Gruppe. Im Podcast spricht sie über eine CO₂-neutrale Logistik und die Verantwortung von Unternehmen gegenüber der Umwelt.

 

Logistikunternehmen wie die Rhenus Gruppe sind bestrebt, ihre Arbeit zunehmend klimafreundlicher zu gestalten und ihren Kunden eine grüne Supply Chain anzubieten. Das liegt zum einen daran, dass sie eine Verantwortung gegenüber der Umwelt und den nachfolgenden Generationen tragen, und zum anderen werden auch die politischen Rahmenbedingungen ausgeweitet. Der Wandel hin zu einer schadstoffarmen Logistik erfordert deshalb nicht nur eine gründliche Planung, sondern auch effektive Maßnahmen, da das Kerngeschäft der Logistik, der Transport von Gütern, heutzutage noch einiges an Emissionen verursacht.

Weniger Waren zu verladen oder auf einzelne Strecken zu verzichten, kann als ressourcenschonende Maßnahme nicht funktionieren. Welche Möglichkeiten Logistikunternehmen haben, um ihre Supply Chain dennoch klimafreundlicher zu gestalten, verrät Isa Kohn im Podcast. Sie ist Head of Sustainability bei der Rhenus Gruppe und verantwortlich für die Strategie sowie die Kommunikation von nachhaltigen Themen im Unternehmen. Im Podcast gibt sie einen Einblick in ihre tägliche Arbeit und beschreibt, wie Unternehmen wirtschaftlich handeln und gleichzeitig emissionsreduzierte Transportlösungen anbieten können. Hörer*innen erfahren am Beispiel eines der nachhaltigsten Logistiklager weltweit, wie die Zukunft der Logistik aussehen kann, ohne dabei etwas von ihrer Wirtschaftlichkeit einzubüßen, und lernen, dass bestimmte Transportlösungen teilweise mehr als ein Drittel der Emissionen einsparen können. Zusätzlich verrät Isa Kohn, wie jede einzelne Person mit kleinen Schritten, wie etwa energiearmen Lichtquellen oder einer optimierten Lagerlogistik, dazu beitragen kann, die Logistikbranche Stück für Stück klimafreundlicher zu gestalten.

Den Podcast mit deutschen und englischen Untertiteln finden Sie auch hier.

Podcast
06.04.2022

Im Podcast spricht Isa Kohn darüber, welche klimafreundlichen Maßnahmen Logistikunternehmen ergreifen können, um ihren Kunden eine grüne Supply Chain anzubieten und ressourcenschonend zu wirtschaften.

„Wir müssen Logistikdienstleistungen CO₂-neutral anbieten können.“
Nachhaltigkeit spielt für Logistikunternehmen und ihre Kunden eine zentrale Rolle.

Redaktion: Was genau sind Ihre Aufgaben als Head of Sustainability?

Isa Kohn: Die Rhenus Gruppe ist ein dezentral organisiertes Unternehmen. Jede Einheit hat also ihre eigenen Zuständigkeiten. Ich bin innerhalb der Gruppe zentral verantwortlich für das ganze Thema Nachhaltigkeit, insbesondere für die Strategie - auch bezüglich des Klimamanagements. Dazu zählt beispielsweise die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks und die Ableitung von Maßnahmen und Reduktionszielen für die gesamte Rhenus Gruppe. Außerdem kommen noch weitere strategische Themen dazu, wie etwa die Ausarbeitung der SDGs, der "Sustainable Development Goals". Nebenbei unterstütze ich die verschiedenen Einheiten auch bei Kundenanfragen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Kommunikation, sowohl intern für unsere Mitarbeiter*innen und alle Einheiten, aber auch für die externen Parteien. Dadurch kann ich dazu beitragen, dass das Thema Nachhaltigkeit mehr nach außen getragen wird, ganz nach dem Motto: "Tue Gutes und rede darüber".

 

Redaktion: Warum entscheidet sich ein Logistikdienstleister dafür, Nachhaltigkeit in den Fokus zu nehmen?

Isa Kohn: Als Familienunternehmen liegt es uns bei der Rhenus Gruppe am Herzen, Sorge für zukünftige Generationen zu tragen. Es ist aber trotzdem, wie es ist: Kernstück der Logistikdienstleistungen ist der Transport und der verursacht heutzutage leider noch zu viele Emissionen. Auch der Betrieb eines Gebäudes oder eines Lagers kann sehr emissionsintensiv sein, je nachdem, wie neu das Gebäude ist. Wir sind uns der Verantwortung gegenüber der Umwelt aber vollkommen bewusst, deshalb wachsen wir mit diesem Thema und denken langfristig, das heißt: Wir müssen Wege finden, die Kundennachfrage nach den Logistikdienstleistungen auch CO2-neutral bedienen zu können. Darum ist vor allem das Thema Dekarbonisierung für uns so wichtig.

An unseren Standorten sind tagtäglich viele Mitarbeiter*innen im Einsatz, deshalb tragen wir natürlich auch dem sozialen Aspekt Rechnung. Vor allem die Gesundheit und die Sicherheit unserer Mitarbeiter*innen liegt uns am Herzen. Beim Thema Nachhaltigkeit handeln wir aus Überzeugung. Selbstverständlich müssen auch wir uns an die rechtlichen Vorgaben der Politik halten, aber von unseren Kunden und anderen „Stakeholdern“ bekommen wir viele positive Rückmeldungen und die zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

 

Redaktion: Inwiefern spielt es bei den Überlegungen zum nachhaltigen Handeln eine Rolle, dass Rhenus zwar ein global tätiges Unternehmen aber gleichzeitig auch ein Familienunternehmen ist?

Isa Kohn: Dadurch, dass wir ein Familienunternehmen sind, wollen wir gerne unseren Beitrag leisten, damit der Planet für zukünftige Generationen auch weiterhin lebenswert ist und der Naturreichtum erhalten bleibt. Neben der Umwelt und unseren Mitarbeiter*innen sind aber noch zwei weitere Punkte wichtig: Zum einen unsere Kunden. Wir gehen konkret auf ihre Wünsche ein, weil wir sehen, dass Nachhaltigkeit immer mehr gefragt ist und wir auch heute schon eine komplette grüne "Supply Chain" anbieten könnten. Zum anderen handeln wir aus der Grundüberzeugung und in vollem Bewusstsein darüber, dass unsere Leistungen in Zukunft CO2-neutral erbracht werden müssen – und genau darauf wollen wir vorbereitet sein. Wir sehen uns dort auch bestärkt durch die Politik und den wachsenden Druck auf diejenigen, die sich gerade noch ihrer Verantwortung entziehen möchten.

 

Redaktion: Wie können Unternehmen am besten in das Thema Nachhaltigkeit einsteigen und wie lässt sich eine Strategie anfänglich aufsetzen?

Isa Kohn: Nachhaltigkeit ist ein Thema, das von ganz oben mitgetragen und unterstützt werden muss. Das sieht man auch bei der Rhenus: Meine Abteilung berichtet zum Beispiel direkt an den Vorstand. Wenn Unternehmen mit dem Thema Nachhaltigkeit beginnen, macht es grundsätzlich immer Sinn erstmal zu überlegen, wo der eigene Einfluss besonders groß ist, sei es sozial oder ökologisch und erst dann zu definieren, an welcher Stelle sie selbst wiederum am meisten bewirken können. Es gibt durchaus Bereiche, die beeinflusst man vielleicht stark, aber kann dort gar nicht viel bewirken. Auch die Wesentlichkeitsanalyse spielt hierbei eine große Rolle, etwa beim ökologischen Fußabdruck: Wesentlich bei uns sind zum Beispiel die "Scope 3"-Emissionen von unseren Subunternehmern, weil sie deutlich höher sind als beispielsweise Pendler- Emissionen.

In Hinblick auf die Emissionen würde ich empfehlen, mit dem Messen zu beginnen, denn: "You cannot manage what you don't measure". Erst wenn der Fußabdruck vorliegt, lassen sich daraus die größten Treiber identifizieren und anschließend Reduktionsmaßnahmen definieren. In der Zukunft lässt sich dann ganz gut messen, wie gut die Maßnahmen geholfen haben und wie wirksam die Reduktion war. Am Ende müssen aber alle Bereiche des Unternehmens und auch alle Mitarbeiter*innen miteinbezogen werden, weil wirklich jeder etwas bewirken kann, auch wenn es erst einmal nur kleine Schritte sind.

 

Redaktion: Worauf müssen Unternehmen denn besonders achten und wie können sie vorgehen? Gibt es bestimmte Voraussetzungen oder Auflagen?

Isa Kohn: Für die Nachhaltigkeit existieren Stand heute noch nicht viele verbindliche Vorgaben. Es gibt zwar die ISO 14001 im Umweltmanagement und die ISO 50001 für das Energiemanagement, aber das Thema kommt erst jetzt mehr und mehr auf – vor allem, wenn wir an Erweiterungen und Verschärfungen in der Politik denken. Bei Rhenus stellen wir uns schon jetzt darauf ein, dass in den nächsten Jahren bestimmte Anforderungen von uns erfüllt werden müssen, die dann verbindlich sind, zum Beispiel eine nicht finanzielle Berichterstattung oder eine EU-Taxonomie. Aber wir sind ja heute schon aus eigenem Antrieb heraus aktiv: für und mit unseren Kunden und auch für und mit unseren Mitarbeiter*innen zusammen.

 

Redaktion: Welche Nachhaltigkeitsprojekte wurden innerhalb der Rhenus Gruppe bereits umgesetzt oder sind noch in der Planung?

Isa Kohn: Im Bereich Warehousing haben wir beispielsweise unser Best-Practice-Beispiel Tilburg, ein Lager in den Niederlanden. Es ist eines der nachhaltigsten Lager weltweit und wurde 2019 sogar für den "BREEAM Award" nominiert. 2020 hat es den "National Stil Award" für Gebäudedesign erhalten und zeichnet sich unter anderem durch eine Verknüpfung von ökologischen und sozialen Aspekten aus. Das Lager hat Solarmodule auf dem Dach, dreifach verglaste Fenster und Wärmepumpen. Zudem sind die Fassaden und Dächer alle hoch-gedämmt und in den Sanitäranlagen wird Regenwasser genutzt. Neben LEDs gibt es auch Tageslichtstreifen und außerhalb des Lagers wurden sogar Erholungsflächen für die Mitarbeiter*innen berücksichtigt.

In der Freight, also im Straßentransport und der Luft- und Seefracht, verwenden wir EcoTransIT. Über dieses System können wir die Emissionen jeder einzelnen Sendung berechnen. In der Luftfracht haben wir auch noch das Programm "RHEGREEN" aktiv: Das ist eine Möglichkeit für unsere Kunden – die zudem auch noch kostenfrei ist –, Luftfrachtsendungen auf bestimmten Routen mit umweltfreundlicheren, sprich verbrauchsärmeren Flugzeugen zu transportieren. Darüber kann man dann tatsächlich Reduzierungen von zehn bis 40 Prozent im CO2-Ausstoß erwirken.

Auch alternative oder emissionsärmere Antriebe haben wir in vielen Einheiten im Einsatz, seien es jetzt zum Beispiel kleinere E-Fahrzeuge, CNG-Fahrzeuge im Bereich "Home Delivery" oder tatsächlich schwere E-LKW im Container-Transport. Tatsächlich besitzen wir heutzutage noch eine der größten E-LKW-Flotten mit schweren 40-Tonnern in Europa.

In der Binnenschifffahrt haben wir zum Beispiel die „MS Duisburg“. Das Schiff hat einen Vater-Sohn-Antrieb, der es je nach Leistungsbedarf antreibt. Je nachdem, ob es stromaufwärts oder -abwärts fährt, kommt dann der leistungsschwächere oder -stärkere Antrieb zum Einsatz. Außerdem hat dieses Schiff noch ein strömungsoptimiertes Heck, wodurch die Schubkraft fast verlustfrei in das Wasser gebracht werden kann, was ebenfalls den Treibstoffverbrauch reduziert. Darüber hinaus sind wir aktuell auch noch im Aufbau der sogenannten "Eco Short Sea"-Flotte, die dann direkt aus fünf umweltfreundlichen Schiffen besteht.

Wir wollen die alternativen Antriebe natürlich in allen unseren Einheiten ausbauen und auch den Bau von weiteren Logistiklägern vorantreiben, aber hier sage ich nur: stay tuned! Vor allem bei den Logistiklägern wird es bald spannende Neuigkeiten geben.

 

Redaktion: Was sind die nächsten Schritte in Sachen Nachhaltigkeit? Wo geht der Weg hin?

Isa Kohn: Ich glaube jeder würde gerne wissen, wo der Weg hin geht, aber so genau lässt sich das gar nicht sagen, weil jedes Geschäftsfeld auch seine eigenen Herausforderungen mit sich bringt. Auf jeden Fall wird aber die Transition in den einzelnen Einheiten unterschiedlich lange dauern. Der LKW-Bereich ist, was die Dekarbonisierung angeht, zum Beispiel schon weiter als die Binnenschifffahrt – zumindest ist der Wandel hier absehbarer.

Natürlich gibt es aber auch regionale Unterschiede: Wir haben trimodalen Transport in Zentralasien, aber auch in Deutschland. Hier unterscheidet sich schon allein das Alter der jeweils verfügbaren Verkehrsmittel stark voneinander. Bei den Gebäuden ist auch der Aspekt "gemietet oder Eigenimmobilie" eine große Herausforderung, denn dadurch ergibt sich dann mehr oder weniger Handlungsspielraum, wenn es um die Umsetzung bestimmter Maßnahmen geht.

Zudem sind wir auch abhängig vom technologischen Fortschritt, der sich bis zum Jahr 2025 oder 2030 noch ganz gut voraussehen lässt. Es ist aber ziemlich schwer abzuschätzen was danach passiert, wie schnell neue Innovationen aufkommen oder wie sehr man dann einem Druck ausgesetzt ist, Investitionen zu tätigen, vor denen man sich heute vielleicht noch scheut. Mit diesem Unsicherheitsfaktor können wir aber gut umgehen, weil wir mit dem PDCA-Zyklus, also dem "plan, do, check, act"-Vorgehen arbeiten. So können wir unsere Strategie immer an die Änderungen anpassen, die sich ergeben.

 

Redaktion: Welche Tipps können Unternehmen schnell und unkompliziert umsetzen, um nachhaltiger zu werden?

Isa Kohn: Überzeugen kann man bei Nachhaltigkeit immer dann am besten, wenn eine Lösung gleichzeitig auch wirtschaftlich ist. Auch eine Prozessoptimierung ist gut umsetzbar. Wenn ich beispielsweise darauf achte, Wege zu reduzieren, etwa mit einem Staplerleitsystem, kann ich auch schon dadurch Energie sparen: Ich muss zum Beispiel meine Stapler weniger laden, spare dadurch Strom und so weiter.

Zu guter Letzt noch die Klassiker, die für alle Mitarbeiter*innen einfach zu integrieren sind: Papier sparen, Wasser sparen, Licht ausmachen oder Bildschirm und Steckdosenleisten ausschalten. Um eine Strategie für die Maßnahmen und Reduktionen zu entwickeln, muss man sich aber zuerst überlegen: Welche Emissionsquellen kann ich denn komplett eliminieren? Zum Beispiel gar nicht mit dem Auto fahren. Dann: Wie kann ich etwas reduzieren? Etwa weniger mit dem Auto fahren oder ein anderes Auto kaufen. Nur nach diesen Überlegungen ist die Kompensation, ein zugegebenermaßen etwas umstrittener Punkt, die Möglichkeit, die man dann noch wählen kann.

 

Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch!

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